Du bist doch nur...: Ist / Wird die Welt zu ich-bezogen?

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Ein Blick über den Tellerrand des eigenen Berufs hinweg.
Wird die Menschheit zu ich-bezogen und verliert den Blick auf die Gesamtheit – auf die „kleineren“ aber äußerst wichtigen Zahnräder der Gesellschaft?

Blick-ueber-den-TellerrandEin Artikel im Stern bewegt mich heute wieder einen Artikel über ein paar Sachen zu schreiben, die mir sehr am Herzen liegen.

In besagtem Artikel stellt Tanja Mandelt, welche seit 18 jahren als Erzieherin in einer Kindertagesstätte tätig ist, ein paar Punkte zu einem früheren Artikel im Stern richtig und bemängelt die Sichtweise anderer Leute auf ihren Berufsstand.

Ich möchte diese Tatsache nun aber etwas weiter fassen und sage, dass die Menschen meines Erachtens immer mehr ICH-bezogen werden. Oft hört man „Ich verdiene zu wenig“, „Ich habe Probleme“ und vieles mehr. Doch sind genau das oft die Menschen, denen es in unserer Gesellschaft sehr gut geht. Sie müssen meist nicht jeden Euro zweimal umdrehen, sind oft Kinderlos und haben scheinbar Scheuklappen auf, welche sie daran hindert über den Tellerrand unserer Gesellschaft blicken zu lassen.

Ich selbst bin ja Programmierer und habe somit einen für viele sehr leichten Job. Klar, Programmieren kann nicht jeder, aber es ist ein Bürojob, in meinem Fall nicht in einer Agentur und damit nicht mit tagtäglichen Anrufen und Diskussionen mit verschiedensten Kunden. Jeder Beruf bringt seine Schwierigkeiten mit, doch bin ich wohl in der luxuriösen Position behaupten zu können, dass von meinem Beruf kein Menschenleben betroffen oder beeinflusst wird, wenn es Probleme gibt.

Beispielhaft möchte ich nun ein paar Berufe aus dem sozialen oder auch wenig beachteten Bereichen aufgreifen und meine Meinung dazu klarstellen. Zudem verzichte ich hier auch die männlich/weibliche Schreibweise, da diese in meinen Augen auch nur verchleiert, dass es immer noch deutliche Gehaltsunterschiede aufgrund des Geschlechts gibt. Daher verzeiht mir hiermit, dass ich mich abwechselnd auf das typischere Geschlecht der Berufsgruppe beziehe.

Der Müllmann

Müllabfuhr in Amsterdam im Streik©Mal ehrlich: Wer denkt denn an die Männer in Orange, die von Haus zu Haus fahren und uns vorm Ersticken in unserer Wegwerfgesellschaft behüten?
Die Industrie stellt immer mehr kurzlebige Produkte her, welche möglichst schnell durch neue ersetzt werden sollen. Wir gehen alle immer mehr in den Supermarkt – klar, der Preis und die Bequemlichkeit siegt auch bei mir meist – doch alles ist in Plastik verpackt und sorgt für Müll.
Diese muss anschließend irgendwo hin. Daher gehört für mich auch dieser Beruf zu den zu wenig beachteten.

Kinderpflegerin

interakcja (31)©In Facebook ging ein sehr beschreibender Spruch als Bild durch die Pinnwände: „Warum zahlen wir Menschen, denen wir unsere Kinder anvertrauen weniger Geld als jenen, denen wir unsere Kinder anvertrauen?“.
Denkt doch mal über genau diesen Spruch nach. Ich möchte hier keine Diskussion über einen Elternführerschein oder ähnliches auslösen, auch wenn ich mir bei manchen schon denke, dass so etwas nicht schaden würde. Viele Eltern sind mit ein oder vielleicht zwei Kindern – mehr ist doch sehr selten – schon überfordert einen geregelten Tagesablauf, soziale Werte oder gar eine gute Erziehung hinzubekommen.
In diesem Beruf sind es meist Frauen, vor denen ich gerne meinen Hut ziehe, denn führt man sich zu Gemüte, dass genau diese tagsüber bis zu 30 Kinder betreuen und ihre Entwicklung fördern und auf das Leben vorbereiten und dann nach dem Feierabend zu ihrer Familie zurückkehren und dort auch nicht abschalten können, wenn sie Kinder haben, so sieht man deutlich eine Diskrepanz der verschiedenen Wahrnehmungen.
Und dass diese im Beruf oder der Ausbildung auf genau diese Aufgabe vorbereitet werden, so muss man auch immer daran denken, dass wir alle Individuen sind und so das Lehrbuch auch in den aller aller wenigsten Fällen eine ideale Lösung parat hält. Der Job erfordert oft einen Spagat aus der nach außen hin so oft gesehenen „Tante zum Spielen und bespaßen“, einer Seelentrösterin, einer engen Vertrauten für die Kinder, einer Krankenschwester oder teilweise auch Psychologin. Ein Beruf der eine Wandlungsfähigkeit erwartet, welche oft sehr belastend werden kann.

Feuerwehrmann

Feuerwehrmann©Egal ob Berufsfeuerwehr oder Freiwillige Feuerwehr, diese Männer nimmt man oft nur dann wahr wenn man sie gerade braucht. Sonst fahren sie zu schnell mit Blaulicht und Martinshorn durch die Straßen oder wecken die Anwohner mit dem Sirenenalarm.
Gut, dieser Beruf oder diese Berufung kann ich nicht aus neutraler sicht darstellen, da ich ja selbst seit über zehn Jahren in der Freiwilligen Feuerwehr bin. Doch denkt bitte auch daran wenn die Sirene geht und kurz darauf das Martinshorn zu hören ist.
Wir sind auch nur Menschen, die ebenso wie ihr gerade noch im Bett gelegen sind oder unsere Familien zurücklassen um euch zu helfen.
Je nach Einsatz müssen wir hier diverse Schwierigkeiten meistern, den Beteiligten best- und schnellstmöglich helfen. Das wird von uns erwartet. Doch denkt ihr dass wir alle Helden sind, an denen alles spurlos abprallt? Dann redet mal mit jemandem aus der Organisation wie es ist ein Kind oder einen Jugendlichen bei einem Unfall vorzufinden, wenn dieser eventuell selbst ein Kind in ähnlichen Alter zuhause hat, das gerade auf ihn wartet? Solche Einsätze lassen auch den abgebrühtesten von uns nicht kalt.

Altenpflegerin

help©Wie oft denkt ihr an eure Zukunft – nein nicht morgen oder in einer Woche, sondern wirklich ins Alter? Wer von uns weiß wie es mit uns zu Ende gehen wird? Werden wir friedlich einschlafen und waren bis an den letzten Tag unseres Lebens fit? Wünschen tut sich das wohl jeder, die Realität kann jedoch auch ganz anders aussehen. Wir könnten auf Hilfe von anderen Personen angewiesen sein, weil wir uns nicht mehr so bewegen können wie es mal war oder weil wir eventuell geistig nicht mehr so fit sind.
Hat wer von euch einen solchen Fall in der Familie schon erlebt? Kann man die Hilfe komplett alleine in der Familie leisten? Ich denke nicht. Daher gibt es auch diesen Beruf, der uns in der Jugend oft als total fern und unwichtig erscheinen mag. Doch wir werden sehen wie alles kommt.

Vielen Dank

Allen die diesen eher tiefgründigen und mit Fragen überschwemmten Artikel bis jetzt durchgehalten haben schon mal ein herzliches Dankeschön.
Ihr werdet jetzt vielleicht einen etwas anderen Blick in die Welt haben. Ebenso ein riesiges Dankeschön, an all diejenigen, die sich einen solchen Beruf ausgesucht haben und für uns sorgen. Sie werkeln oft im Stillen und freuen sich über ein Lächeln oder ein Dankeschön.
Regt euch nicht auf, wenn genau diese Leute dann auch ein wenig Anerkennung in Form von faierer Bezahlung haben wollen.
In meinen Augen sollten genau diese Leute nämlich besser bezahlt werden als Bänker, die Gelder in Hochrisikogeschäften verbrennen. Und nein, jeder einzelne Mensch in unserer Gesellschaft ist wichtig. Ich verteufle keinen Bankangestellten, doch habe ich einen anderen – vielleicht sozialeren oder nachdenklicheren – Blick in diese Welt.